Guten Morgen {{vorname}}
Der grosse russische Schriftsteller Dostojewski soll einmal gesagt haben: «Solange ich meinen Tee habe, darf die Welt ruhig vor die Hunde gehen.»

Vielleicht ist die Idee gar nicht mal so schlecht, in diesen verwirrenden Zeiten dann und wann eine Tea-Time einzubauen – wie die Briten bei Asterix, die für den Afternoon-Tea die Waffen niederlegen.

Heute feiert die Welt den internationalen Tag des Tees. Auch für den hitzigen Abstimmungskampf, den wir hierzulande gerade führen und in dem Befürworter wie Gegner vor düsteren Szenarien warnen, gilt das Bonmot: Abwarten und Tee trinken. 🫖

Schweiz · 🗳️

Bundesrat Jans warnt vor «Brexit-Moment der Schweiz»

Argumentiert für ein Nein am 14. Juni: Bundesrat Beat Jans. (Screenshot: Tages-Anzeiger/Adrian Moser)

«Ich tingle durchs Land, damit Ihre Mutter auch in Zukunft gepflegt wird», sagte Bundesrat Beat Jans (SP) vergangene Woche in der SRF-Arena an die Befürworter:innen der 10-Millionen-Schweiz-Initiative gerichtet. Nun tingelten zwei Journalistinnen des Tages-Anzeigers nach Bern, um dem umtriebigen Justizminister in seinem Büro im Bundeshaus West auf den Zahn zu fühlen.

Im lesenswerten Interview verteidigt Jans die pointierte Rhetorik, etwa, dass die SVP-Initiative die Gesundheit gefährden könne. Es sei kein Zufall, dass auch die Gesundheitsorganisationen dezidiert für ein Nein weibelten: «Nehmen Sie das Unispital Basel: Es braucht jedes Jahr 1000 neue Mitarbeitende. Derzeit gehen viele Leute in Rente, und wir werden alle älter. Aus diesem Grund braucht es allein in den nächsten fünf Jahren im Pflegebereich 24 Prozent mehr Personal. Just in dieser Situation kommt die SVP mit ihrer Initiative und will das Personalangebot einschränken. Das ist nicht nur falsch, sondern eine Gefahr für die Bevölkerung.»

Jans warnt bei einer Annahme vor einem Brexit-Moment für die Schweiz. Dort seien die Bewerbungen aus dem EU-EFTA-Raum deutlich zurückgegangen. Und zwar noch ehe die Leute wussten, wie der Brexit umgesetzt werden sollte. «Im Gesundheitswesen führte das tatsächlich zu einer höheren Sterblichkeit der Patienten.»

«Es wird wohl nie eine 12- oder 13-Millionen-Schweiz geben.»

Beat Jans, Bundesrat

«Es wird wohl nie eine 12- oder 13-Millionen-Schweiz geben», sagt Jans. Alle Demograf:innen seien sich einig, dass die Schweiz wegen des Geburtenrückgangs irgendwann schrumpfen werde. Gleichzeitig altere die Gesellschaft, und das werde die Schweiz vor grosse Personalprobleme stellen. «Ausgerechnet jetzt, da die Babyboomer in Rente gehen, kommt diese Initiative. Es ist der völlig falsche Moment, um Menschen aus anderen Ländern zu sagen, sie dürften nicht in die Schweiz kommen.»

Auf die Frage der Journalistinnen, wann er aufgrund des Dauerbeschusses von rechts das Departement wechseln werde, sagt Justizminister Jans, es gebe «im Moment» keine solchen Pläne. «Ich habe gemerkt, dass das Departement enorm spannend und nah bei den Leuten ist. Mich fasziniert, dass wir mit der Arbeit in den Bundesämtern für Justiz oder Polizei und beim Staatssekretariat für Migration das Leben der Menschen im Land ganz konkret verbessern können.»

Schweiz · AHV-Reform

Anreize statt höheres Rentenalter

Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider: Folgt ihr das Parlament? (Screenshot: SRF/Peter Schneider)

Der Bundesrat will das Rentensystem stabilisieren, ohne das Rentenalter 65 anzutasten. Gestern hat die Landesregierung die Vernehmlassung zur Reform «AHV 2030» gestartet. Das Ziel: Die Versicherung soll bis 2040 jährlich rund 600 Millionen Franken an Mehreinnahmen generieren.

Im Zentrum steht gemäss SRF die Förderung des Weiterarbeitens nach 65 Jahren. Der Freibetrag für Erwerbstätige im Rentenalter soll von 16'800 auf 22'680 Franken steigen. Zudem soll die Grenze gekippt werden, bis zu der Renten aufgebessert werden können. Gleichzeitig will der Bundesrat Frühpensionierungen erschweren: In der zweiten Säule soll das Mindestalter für den Kapitalbezug von 58 auf 63 Jahre steigen.

Weitere Mittel sollen durch eine ausgeweitete Beitragspflicht fliessen, etwa auf Kranken- und Unfalltaggelder. Auch «überhöhte Dividenden» bei Mitarbeiteraktien sollen künftig beitragspflichtig werden. Ob eine zusätzliche Finanzierung über die Mehrwertsteuer nötig wird, hängt laut Bundesrat davon ab, wie das Parlament die 13. AHV-Rente finanziert.

Schweiz · Fachkräftemangel

Pflegeexpert:innen sollen ärztliche Leistungen abrechnen

Pflegefachperson bei der Arbeit. (Screenshot: NZZ/Gaëtan Bally)

Der Bundesrat will den Fachkräftemangel in der Medizin bekämpfen und Pflegeexpert:innen (Advanced Practice Nurse, APN) stärken. Gestern hat die Regierung das Innendepartement beauftragt, das Krankenversicherungsgesetz entsprechend anzupassen. Künftig sollen diese Fachkräfte ärztliche Tätigkeiten eigenverantwortlich über die Krankenkasse abrechnen dürfen, schreibt die NZZ.

Bisher arbeiteten Pflegeexpert:innen in einem gesetzlichen Graubereich. Sie verfügen über ein Masterstudium und können Diagnosen stellen oder Sprechstunden führen, durften diese Leistungen aber nicht direkt fakturieren. Das Ziel ist eine Entlastung der Hausärzt:innen, von denen bis 2035 rund 40 Prozent ersetzt werden müssen. Die Expert:innen sollen in eigener fachlicher Verantwortung, aber in enger Zusammenarbeit mit Ärztinnen und Ärzten agieren.

Romy Mahrer Imhof, Präsidentin der Berufsvereinigung APN-CH, sagt: «Pflegeexpert:innen sind bestmöglich ausgebildete Pflegefachpersonen und nicht Mini-Ärzt:innen.» Auch die Ärzteschaft stellt klar, dass die medizinische Gesamtverantwortung weiterhin bei den Hausärzt:innen liegen müsse.

Ein konkreter Gesetzesentwurf soll bis Sommer 2028 vorliegen. Die Massnahme ist Teil der Umsetzung der 2021 angenommenen Pflegeinitiative.

🐌 Zitat des Tages

«Wer die Natur mag, muss seine Bedürfnisse zurückstellen»

Aussterbende Spezies mit Weitwinkelobjektiv: Tierfilmer Andreas Moser. (Foto: SRF)

England hat Sir David Attenborough, wir haben Andreas Moser. Gestern feierte die Tierfilm-Legende (Netz Natur) ihren 70. Geburtstag.

Doch auch im Ruhestand bleibe der studierte Biologe eine mahnende Stimme für den Naturschutz, berichtet SRF. Moser sieht sich selbst als Teil einer «aussterbenden Spezies mit einem Weitwinkelobjektiv», die erstaunliche Zusammenhänge in der Zoologie entdecke.

Kritisch äussert sich Moser zur Debatte um den Wolf. Er bezeichnet die hiesige Angst vor dem Raubtier als unbegründet und historisch konstruiert: «Die sprichwörtliche Angst vor dem Wolf wurde erst durchs Christentum in unserer Gesellschaft eingeführt.» In Europa habe es trotz steigender Bestände seit 20 Jahren keinen schweren Angriff auf Menschen gegeben.

Sein Rückzugsort im Tessin dient ihm als Inspiration, offenbart aber auch die Zerstörung der Umwelt durch menschliche Kurzsichtigkeit. Mosers Botschaft an die Gesellschaft ist klar: «Wer die Natur mag, muss die eigenen Bedürfnisse zurückstellen.» Es gelte, die Natur und ihre Komplexität «bescheiden in ihrer ganzen Schönheit zu respektieren» – und zwar jedem Lebewesen gegenüber, «von der Stechmücke bis zum Buckelwal».

Trotz der ökologischen Herausforderungen blickt Moser dankbar zurück: «Meine Generation hat wahrscheinlich die sorgloseste und schönste Zeit erlebt, die es in der Menschheit je gab.»

PS: Im Zürcher Zoo gibts Nachwuchs bei den Brillenbären!

Kurz-News

Matura-Krawall · In Wettingen lief eine Matura-Feier zünftig aus dem Ruder. Rund 40 vermummte Badener Schüler:innen überfielen das Abschlussfest mit Böllern und Eiern, eine Schülerin erlitt einen Hörschaden. Jetzt nimmt Rektor Daniel Franz im Tages-Anzeiger Stellung und verurteilt die Gewalt: «In Teilen war das kriminell.» Er sei «fassungslos» über die Eskalation. Die Polizei ermittelt wegen Körperverletzung und Sachbeschädigung.

Ex-SVP-Präsident verurteilt · Das Luzerner Bezirksgericht hat Ex-SVP-Präsident Dieter Haller wegen Verleumdung verurteilt. Haller hatte 2023 25’000 Franken Parteigeld auf sein Privatkonto überwiesen. Als ein Whistleblower dies öffentlich machte, griff die Parteispitze ihn in einer Mitteilung an. Das Gericht urteilte nun: «Die Medienmitteilung ist ehrverletzend.» Haller habe bewusst Unwahrheiten verbreitet. Er erhielt gemäss Blick eine bedingte Geldstrafe von 70 Tagessätzen. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Bally verlässt Schweiz · Der Luxusschuhhersteller Bally beendet bis Ende August die Produktion im Tessin. Damit verschwindet das Label «Made in Switzerland» nach 175 Jahren Firmengeschichte. Die letzten 27 Angestellten in Caslano verlieren ihre Stellen, berichtet 20 Minuten. Nach der Übernahme durch den US-Investor Regent LP wurde der Standort schrittweise abgebaut. Künftig werden Bally-Schuhe wohl weltweit in Lizenz gefertigt.

International

Mega-Börsengang · Der US-Unternehmer Elon Musk plant für Juni den womöglich grössten Börsengang der Geschichte. SpaceX wird mit 1,75 Billionen Dollar bewertet. Trotz eines Milliardenverlusts soll der Gang an die Börse 75 Milliarden Dollar für künftige Mars-Missionen einbringen. Musk behält durch Sonderaktien 85,1 Prozent der Stimmen. Der Deal könnte Musk gemäss der deutschen Tagesschau zum ersten Billionär der Welt machen.

Gaza-Hilfsflotte gestoppt · Die israelische Armee hat die «Global Sumud Flotilla» in internationalen Gewässern abgefangen. Gut 50 Boote mit 400 Aktivist:innen, darunter sieben Schweizer:innen, wurden 250 Seemeilen vor Gaza festgenommen. Ziel der Flotte war es, auf die katastrophale Lage im Gazastreifen aufmerksam zu machen. Israel bezeichnete die Aktion gemäss SRF als «PR-Stunt im Dienste der Hamas». Die Aktivist:innen kritisieren das harte Vorgehen gegen Unbewaffnete als unverhältnismässig.

🦐 Nützliches des Tages

Amphipoda

Verwirbelt: Amphipoda in Action. (Screenshot: amphipodfeast)

Tierisch geht es weiter. Bachflohkrebse (Amphipoden) spielen in Flüssen und Bächen eine zentrale Rolle. Indem sie totes organisches Material wie herabgefallenes Laub fressen, beteiligen sie sich am Zersetzungsprozess und tragen zum Kreislauf von Material und Nährstoffen bei.

Dabei haben sie klare Vorlieben: Während sie die Schwarzerle (Alnus glutinosa) sehr schnell fressen, benötigen sie für die Rotbuche (Fagus sylvatica) deutlich länger. Doch das Leben im Bach ist gefährlich: Neben Fischen oder Libellenlarven lauern parasitäre Würmer, die die Tiere schwächen können.

Am meisten profitieren Bachflohkrebse von natürlichen Lebensräumen, die nicht verschmutzt sind und kaum oder gar keine Veränderungen durch den Menschen aufweisen. Werden diese Bedingungen erfüllt, bleibt das ökologische Gleichgewicht der Gewässer erhalten.

«Zu meiner grossen Überraschung gab es bislang kein Simulationsspiel mit Amphipoden», schrieb diese Woche Forscher Francois Keck auf Bluesky. Man habe diesen Mangel nun behoben. Und voilà: In diesem Game kannst du einen hungrigen Amphipoden spielen. Hat man die Steuerung mal raus, macht das fast so viel Spass wie das rekonvaleszente Worträtsel!

🎲 Rätsel zum Schluss

Errate im 6iBrief Rätsel das gesuchte Wort in höchstens sechs Versuchen. Jeden Tag gibts ein neues Wort zu erraten.

So funktioniert es:

  • Du gibst ein Wort ein.

  • Grün: Buchstabe ist richtig und am richtigen Ort.

  • Gelb: Buchstabe ist im Wort, aber an der falschen Stelle.

  • Grau: Buchstabe kommt im Wort nicht vor.

Viel Spass beim Knobeln!

Danke fürs Lesen

Und bis morgen, wenn du magst.

Peter

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