Guten Morgen {{vorname}}
Als ich die Rekrutenschule absolvierte, fürchtete sich im Westen niemand wirklich vor Russland. Beim Kriegspielen waren die Bösen dennoch immer rot eingezeichnet auf den Karten. Und sie kamen auch stets von rechts, also aus dem Osten.

Wir nahmen das damals nicht so ernst. Und konzentrierten uns auf den Ausgang, in dem, um es mit den Worten des damaligen Verteidigungsministers Adolf Ogi zu sagen, Freude herrschte.

Heute herrscht in Russland Wladimir Putin. Und wenn die Schweizer Armeeoberen in diesem Juni nun wieder Karten in Luftschutzkellern ausbreiten, auf denen dicke rote Pfeile aus dem Osten Basler Rheinhäfen bedrohen, hat das plötzlich ein ganz anderes Gewicht. Freude macht das alles nicht.

Schweiz · Landesverteidigung

Schweizer Armee probt im Sommer den Kriegsfall

Düstere Szenarien: Die Armee bereitet sich vor. (Foto: Unsplash/Maciej Karoń)

Im Juni probt die Schweizer Armee mit der Grossübung «Conex 26» den Ernstfall in der Region Basel. Rund 3500 Armeeangehörige trainieren gemeinsam mit zivilen Behörden die «Abwehr auf eigenem Boden».

Das steht in Unterlagen, die dem Tages-Anzeiger vorliegen. Fokus der Übung sei die Verteidigungsfähigkeit in überbautem Gebiet sowie der Schutz lebenswichtiger Infrastrukturen wie der Rheinhäfen.

Obwohl laut Armee aktuell «keine grenzübergreifende Bedrohung» besteht, reagiert das Szenario auf die verschlechterte Sicherheitslage in Europa. Es gebe Anzeichen, dass Konflikte im Ausland «auch in die Schweiz überschwappen könnten».

Geübt wird die Reaktion auf Sabotage, Cyberangriffe und militärische Angriffe. Die Kernbotschaft der Planer:innen: Die Bodentruppen seien «konsequenter auf die Verteidigung auszurichten».

Die Übung stösst bereits auf politischen Widerstand. Kritiker:innen fordern mehr Transparenz und erinnern an die «Conex 15», bei der es 2015 zu gewaltsamen Ausschreitungen kam. «Ich fordere Transparenz. Denn es ist ja bereits Februar. Der Juni ist nicht mehr so weit weg», sagt etwa die Basler BastA!-Grossrätin Franziska Stier.

Die Behörden planen, die Bevölkerung nach Abschluss der Vorbereitungen detailliert zu informieren.

Schweiz · Vatikan

Kostenexplosion bei der Schweizergarde

Haben nichts zu lachen: Schweizergardisten. (Foto: Unsplash/Jon Tyson)

Martialisch geht es weiter. Bislang dachte ich immer, die päpstliche Schweizergarde im Vatikan trage ihre historischen Uniformen aus repräsentativen Gründen.

Nun lerne ich bei CH Media/Watson, dass die das – wenn auch eher unfreiwillig – tatsächlich ernst nehmen mit dem ganzen Ritter-Mimikry und in Unterkünften hausen, die noch aus dem vorletzten Jahrhundert stammen.

Und so schnell wird sich das auch nicht ändern. Der geplante Neubau der Kaserne verzögert sich. Zwar liegt die Baubewilligung nun vor, doch die Kosten sind von 45 auf 70 Millionen Franken explodiert.

Die Modernisierung der Kaserne gilt aufgrund des Standorts im Unesco-Weltkulturerbe als «Quadratur des Kreises». Ohne gesicherte Finanzierung der Mehrkosten bleibt der Baustart aber blockiert. Die Gardisten müssen somit weiterhin in ihren alten Behausungen bleiben, in denen sie über Feuchtigkeit und Schimmel klagen.

Da der Vatikan erwartet, dass die Schweiz die Kosten trägt, steht die Kasernenstiftung vor einer grossen Hürde. Nachdem bereits einige Kantone Beiträge ablehnten – in Luzern scheiterte ein Kredit an der Urne – muss die Stiftung nun erneut auf Fundraising-Tour gehen.

International · Epstein-Files

Mann in den Sechzigern aus Norfolk wieder frei

Blickt in eine ungewisse Zukunft: Andrew. (Screenshot: Guardian/Phil Noble/Reuters)

Die Thames Valley Police, die für die Operation zuständig war, beschrieb in ihrem Statement den Verhafteten so: «A man in his sixties from Norfolk», ein Mann in den Sechzigern aus Norfolk. Schnell war klar, dass es sich um Andrew Mountbatten-Windsor handelte, den Grüsel formerly known as Prince.

In einem beispiellosen Vorgang wurde Mountbatten-Windsor gestern Morgen wegen des Verdachts auf Fehlverhalten im öffentlichen Amt festgenommen.

Die Polizei befragte den Bruder von König Charles III. zu Vorwürfen, er habe vertrauliche Dokumente mit dem verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein geteilt. Nach Durchsuchungen in Norfolk und Windsor wurde er am Abend gemäss Guardian unter laufenden Ermittlungen wieder freigelassen.

«Das Gesetz muss seinen Lauf nehmen.»

Charles, König

König Charles gab der polizeilichen Untersuchung seine uneingeschränkte Unterstützung. In einem Statement liess der Monarch verlauten: «Das Gesetz muss seinen Lauf nehmen.» Er betonte, dass nun ein fairer und ordnungsgemässer Prozess folge, bei dem die Behörden die «volle und aufrichtige Unterstützung und Zusammenarbeit» des Palastes erhielten.

Auch Premierminister Keir Starmer stellte klar, dass niemand über dem Gesetz stehe.

Die Ermittlungen der Polizei konzentrieren sich auf Berichte, wonach Andrew während seiner Zeit als Handelsbeauftragter sensible Informationen über offizielle Auslandsbesuche und Investitionsmöglichkeiten an Epstein weitergeleitet haben soll. Andrew Mountbatten-Windsor hat jegliches Fehlverhalten stets bestritten.

Expert:innen weisen darauf hin, dass Fehlverhalten im öffentlichen Amt in Grossbritannien mit lebenslanger Haft bestraft werden kann.

Zitat des Tages

«Am besten spart man bei den Schnecken»

2009 war FDP-Magistrat Hans-Rudolf Merz (4 v. l.) Bundespräsident. (Foto: Schweizerische Bundeskanzlei)

Ein bei Journalist:innen beliebtes Genre ist das Befragen von ehemaligen Regierungsmitgliedern zu diesem und jenem.

Wenn man zum Beispiel jemanden sucht, der der eigenen Partei die Leviten liest, ruft man Pascal Couchepin an. Wenn man einen sarkastischen bis abgelöschten Kommentar zum allgemeinen Weltgeschehen benötigt, ist Moritz Leuenberger keine schlechte Wahl. Und wenn es um Finanzen geht, erinnert man sich gerne an Hans-Rudolf Merz, schliesslich hat der noch viel Bündnerfleisch-Bonus beim Publikum.

Was aber halt fast immer gilt bei diesen Vorhaben: Wer alt Bundesräte befragt, bekommt auch alte Ansichten aufgetischt.

Im Gespräch mit SRF äussert sich nun also der FDPler Hans-Rudolf Merz besorgt über die Schweizer Bundesfinanzen. «Am besten spart man bei den Schnecken», sagt er zum Beispiel.

Er zielt damit aber nicht auf Gärten, sondern womöglich auf Bauernhöfe. Mit «Schnecken» meint Merz nämlich Subventionen. «Sie kriechen unaufhaltsam vorwärts, ihr Volumen beträgt fast 50 Milliarden Franken jährlich, mit stark steigender Tendenz. Hier liegt das grösste Sparpotenzial, denn fast 80 Prozent des Bundeshaushalts sind Subventionen.»

Noch mehr Sorgen als die Schnecken bereitet Merz das geplante EU-Vertragspaket. Er warnt vor einem «Demokratieverlust» durch die dynamische Rechtsübernahme und sieht unser föderalistisches System bedroht. «Ich bin nicht für die EU-Verträge.» Zwar befürwortet er eine enge Zusammenarbeit im Handel, doch müsse die Schweiz ihre «demokratische Freiheit bewahren».

Unsere Volkswirtschaft sei ausserordentlich robust und anpassungsfähig, meint Merz. «Sie hat sich auch in grossen Krisen immer wieder bewährt.»

Wenn man das so liest, könnte man meinen, wir hätten alles, was wir wollten. Und was wir wollen, haben wir nicht, und was wir haben, wollen wir nicht. 🐌

Kurz-News

Schmierfinken verurteilt · Wegen rassistischer und antisemitischer Graffiti an der Fasnacht in Payerne VD hat die Staatsanwaltschaft elf Personen verurteilt. Die Gruppe «Schmierfinken» hatte gemäss NZZ Schaufenster mit Sprüchen wie «Liquidation finale» bepinselt, was als Holocaust-Verharmlosung eingestuft wurde. Die Strafen liegen zwischen 200 und 1800 Franken; hinzu kommen Tagessätze. Da die Verurteilten Einspruch erheben, kommt es zum Gerichtsverfahren.

Ketamin im Abwasser · In der Schweiz steigt der Konsum von Ketamin und Crack an, berichtet SRF. Das zeigen aktuelle Abwasseranalysen der Eawag für das Jahr 2025. Besonders in Zürich und Chur GR liegen die Werte weit über dem Schnitt, wobei der Konsum am Wochenende zunimmt. Dies deutet laut Expert:innen auf einen starken Missbrauch in der Partyszene hin. Im Gegensatz dazu verzeichnen Crystal Meth und Cannabis einen leichten Rückgang.

Keine KI-Regulierung · Der Bundesrat setzt vorerst auf Innovation statt auf strenge Regeln für künstliche Intelligenz, berichtet Watson. Am KI-Weltgipfel in Indien erklärte SVP-Bundespräsident Guy Parmelin, es sei zu früh für einen gesetzlichen Rahmen. Man wolle KI-Monopole verhindern und Technologie als öffentliche Infrastruktur fördern. Während die EU auf strikte Gesetze setzt, prüft die Schweiz bis Ende 2026 sanfte Massnahmen, um den Innovationsstandort zu schützen.

International

Trump droht mit Militärschlag · Im Nahen Osten stehen die Zeichen auf Krieg. Die USA verstärken ihre Militärpräsenz, um den Druck auf den Iran zu erhöhen. Gemäss BBC steuern mit der USS Abraham Lincoln und der USS Gerald R Ford zwei Flugzeugträger-Kampfgruppen die Region an. Begleitet werden sie von Zerstörern und Kampfjets. Donald Trump erklärte, man werde in etwa zehn Tagen sehen, ob es einen Deal oder militärische Massnahmen gebe. Der Iran reagierte bereits mit eigenen Manövern am Persischen Golf.

Venezuela billigt Amnestiegesetz · Das venezolanische Parlament hat ein Amnestiegesetz gebilligt, das den Weg für die Freilassung hunderter politischer Gefangener ebnet. Betroffen sind vor allem Regierungsgegner:innen und Journalist:innen. Das Gesetz folgt auf die Festnahme des autoritären Präsidenten Nicolás Maduro durch US-Spezialkräfte im Januar. Schwere Verbrechen wie Mord oder Drogenhandel sind von der Amnestie ausgenommen, berichtet der Spiegel.

📖 Nützliches des Tages

Bücher

Wer liest, ist weniger allein. (Foto: Unsplash/Hümâ H. Yardım)

Es gibt Bücher, die fast jeder kennt und die sich auch sehr gut machen im Büchergestell, obwohl kaum jemand sie gelesen hat. «Ulysses» von James Joyce ist so ein Buch.

Das gleiche Schicksal könnte nun auch den Roman «Wuthering Heights» ereilen, den Emily Brontë vor 180 Jahren geschrieben hat.

Die Neuverfilmung von Wuthering Heights mit Margot Robbie sorge für einen Verkaufsboom des Klassikers, schreibt der Tages-Anzeiger, doch viele junge Lesende scheiterten am Text. «Ich brauche eine Pause nach drei Seiten», klagt jemand auf Tiktok. Und jemand anderes fragt: «Ist dieses Buch so schwierig, oder bin ich dumm?»

«Lesen braucht Training. Es ist wie beim Sport.»

Christa Dürscheid, Linguistin

Linguistin Christa Dürscheid sieht die Ursache für den Frust in verkürzten Aufmerksamkeitsspannen bei der Gen Z und der Komplexität des Stoffs. Es brauche einen «zusätzlichen kognitiven Aufwand», um der vielschichtigen Handlung zu folgen.

Viele weichen in ihrer Not auf KI-Zusammenfassungen oder Kurzvideos aus. Dürscheid warnt im Artikel indes vor einem Kulturverlust durch die Abhängigkeit von fremden Interpretationen. «Lesen braucht Training. Es ist wie beim Sport.»

PS: Als alt Journalist habe ich auch zu diesem Thema natürlich schon meinen Senf gegeben. Für den Beobachter schrieb ich: «Eine Generation verlernt gerade das Lesen. Dabei ist kein Content wertvoller als jener, der sich zwischen zwei Buchdeckeln verbirgt.»

🥇 Witziges zum Schluss

Frage der Woche*

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🎲 Rätsel

Errate im 6iBrief Rätsel das gesuchte Wort in höchstens sechs Versuchen. Jeden Tag gibts ein neues Wort zu erraten.

So funktioniert es:

  • Du gibst ein Wort ein.

  • Grün: Buchstabe ist richtig und am richtigen Ort.

  • Orange: Buchstabe ist im Wort, aber an der falschen Stelle.

  • Grau: Buchstabe kommt im Wort nicht vor.

Viel Spass beim Knobeln!

Vielen Dank fürs Lesen.

Und viel Spass bei der Wochenendlektüre (muss ja nicht «Ulysses» sein).

Peter

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