Guten Morgen {{vorname}}
Kaum hat man mal irgendwo kein stabiles Netz, um auf dem Handy unnütze Videos anzuschauen, flucht man zettermordio über fehlende Infrastruktur.

Wenn dann aber der Mobilfunkanbieter in Sichtdistanz eine Antenne aufstellen möchte, holt man das Strahlenmessgerät hervor und fragt ChatGPT: «Wie verfasse ich eine Einsprache?»

Für dieses menschliche Paradoxon gibt es einen feinen Begriff: Nimby – Not in my backyard. Zu Deutsch: Nicht in meinem Hinterhof!

Besonders eindrücklich zu beobachten ist das Phänomen in der Diskussion um fehlende Wohnungen, wie eine neue Studie entlarvt.

Schweiz · Wohnungsnot

«Wo-Wo-Wonige!» – aber nicht in meinem Hinterhof

Im Wallis wird noch gebaut: Savièse kurz nach Weihnachten. (Foto: Unsplash/Etienne Dayer)

Rund 60 Prozent der Schweizer Bevölkerung nehmen einen Wohnungsmangel wahr, lehnen aber gemäss Tages-Anzeiger fast alle baulichen Massnahmen dagegen ab.

Eine neue Studie des Vergleichsdiensts Comparis zeigt, dass weder Verdichtung noch neue Bauzonen oder das Bauen in die Höhe mehrheitsfähig sind.

Besonders kritisch ist die Lage in den Städten: In Zürich sind nur 0,1 Prozent der Wohnungen frei. Dennoch wehrt sich eine Mehrheit gegen höhere Gebäude in der eigenen Gemeinde. Am ehesten findet noch die Einschränkung von Einsprachen Zustimmung (47 Prozent).

Harry Büsser von Comparis sieht die mangelnde Kompromissbereitschaft skeptisch: «Die Bevölkerung muss ehrlich mit sich sein: Wenn sie den Wohnungsmangel bekämpfen will, muss sie offen sein für Lösungen.»

Büsser spart auch nicht mit Kritik an der Politik. Er wirft sowohl dem linken als auch dem rechten Lager vor, das Thema Wohnungsnot lediglich für die eigenen Zwecke zu nutzen: «Schuld am Mangel sind nicht einfach angeblich überrissene Renditen von Investoren. Und wenn wir wirtschaftlich weiterhin erfolgreich sein wollen, können wir auch nicht einfach die Zuwanderung stark einschränken, wie die Rechte das fordert.»

Schweiz · Softwarepanne

IT-Chaos bei Arbeitslosenkassen

Sah urchig aus, funktionierte aber: Das alte Auszahlungssystem. (Screenshot: Tages-Anzeiger)

«Aktuell müssen wir wohl von der grössten Krise bei einer Informatiksystemumstellung in der Arbeitslosenversicherung sprechen.»

So steht es in einer E-Mail, die der Leiter der grössten Schweizer Arbeitslosenkasse vor einer Woche an Unia-Mitarbeitende geschickt hat.

Zum Debakel geführt hat gemäss Tages-Anzeiger die Einführung des neuen IT-Systems «Asal 2» zum Jahreswechsel. Tausende Arbeitslose bangen nun um ihre Taggelder.

«Manche stehen vor dem Nichts.»

Mitarbeiterin einer Arbeitslosenkasse

Besonders das Portal «Job Room» ist oft nicht erreichbar, was die Auszahlungen blockiert. Für viele Betroffene ist die Lage prekär: «Manche stehen vor dem Nichts», berichtet eine Mitarbeiterin einer Arbeitslosenkasse. Es gebe bereits Fälle von Menschen, die ihre Wohnung verloren hätten.

Die Krise kam mit Ansage: Die Eidgenössische Finanzkontrolle prüfte das 201-Millionen-Franken-Projekt sechsmal und stellte ein «verheerendes Zeugnis» aus. Dennoch hielt das Seco am Starttermin fest. Nun hat das Amt die Kassen angewiesen, Vorschüsse auszuzahlen, um die grösste Not zu lindern.

Bei welchen IT-Projekten des Bundes noch Sand im Getriebe steckt, listet SRF auf: Das Steuerprojekt «Insieme» wurde nach Millionenverlusten gestoppt, während die Luftraumüberwachung «C2Air» und der Drohnenkauf «ADS-15» jahrelange Verzögerungen und massive Mehrkosten verursachten. Auch bei der Armeelogistik (SAP-Software) kämpft der Bund mit unfertigen Systemen und Budgetüberschreitungen.

Schweiz · Brandkatastrophe

Italien erhöht Druck auf die Schweiz

Die italienische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni stellt Forderungen. (Screenshot: SRF/Giuseppe Lami)

Die diplomatischen Beziehungen zwischen Italien und der Schweiz sind an einem Tiefpunkt: Die italienische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni knüpft gemäss SRF die Rückkehr ihres Botschafters nach Bern an strikte Bedingungen. So fordert Rom die sofortige Bildung einer gemeinsamen Ermittlungsgruppe zur Brandkatastrophe in Crans-Montana vom 1. Januar.

Hintergrund ist die Freilassung des Barbetreibers Jacques Moretti aus der U-Haft. Die italienische Regierung bezeichnete diesen Entscheid als «schwere Beleidigung und einen weiteren Schmerz für die Familien der Opfer».

Italien kritisiert zudem die bisherigen Ermittlungen im Wallis – insbesondere, weil dort keine Obduktionen durchgeführt wurden. Meloni fordert nun eine «wirksame Zusammenarbeit der Justizbehörden», damit die Verantwortlichkeiten «ohne weitere Verzögerungen» geklärt werden können.

Während der diplomatische Streit eskaliert, leistet der Kanton Wallis finanzielle Hilfe: Er zahlt 10 Millionen Franken in eine neue Stiftung für die Opfer ein, berichtet die NZZ. Damit werden unter anderem die Bestattungs- und Rückführungskosten für alle Verstorbenen übernommen.

🪄 Zitat des Tages

«Die Harry-Potter-Generation muss erwachsen werden»

Jetzt ist es vorbei mit diesem Zauber: Dobby, Hauself. (Foto: Unsplash/Jacob Jensen)

Ich habe die Bücher geliebt. Und noch immer halte ich die Harry-Potter-Reihe für ideales Lesefutter. Wer es schafft, sein Kind während einer mühsamen Zugreise gedanklich nach Hogwarts zu schicken, statt es dem Youtube-Algorithmus anzuvertrauen, hat irgendetwas richtig gemacht.

Doch die Generation Z fängt mit Harry, Hermine und Ron kaum noch etwas an. Das liegt einerseits an der Autorin Joanne K. Rowling, die wegen ihrer Transgender-Feindlichkeit in der Kritik steht.

In einem lesenswerten Essay für die New York Times nennt Louise Perry jedoch einen tieferen Grund: Während Millennials an den Fortschritt glaubten, ist die Jugend heute durch Krisen und Polarisierung geprägt. «Sie haben aufgehört, Harry Potter zu lieben, weil sie aufgehört haben, die Weltanschauung zu lieben, die die Serie repräsentiert.»

Die Bücher seien für meine Generation wie der «Spiegel Nerhegeb» gewesen – ein Zauberspiegel, der den tiefsten Herzenswunsch zeigt. Er spiegelte eine Welt wider, von der wir uns wünschten, sie sei real: eine Welt, zugleich alt und magisch, in der selbst Kinder das Böse besiegen konnten.

«In ihrer moralischen Schlichtheit war diese Welt wunderschön», bilanziert Perry. «Doch sie war auch zu gut, um wahr zu sein.» Die Harry-Potter-Generation müsse deshalb erwachsen werden.

Ich überlegs mir.

Kurz-News

Babymilch-Skandal weitet sich aus · Die Affäre um verunreinigte Säuglingsnahrung verschärft sich. Nach Nestlé rufen nun auch Hochdorf (Bimbosan), Danone und Lactalis Produkte zurück. Ursache ist wohl ein mit dem Giftstoff Cereulid belastetes Öl eines Zulieferers. In Frankreich untersucht die Justiz den Tod zweier Babys. Der Schweizer Konzern Nestlé steht unter massivem Druck, berichtet die NZZ; die Aktie fiel auf ein Zwölfjahrestief. Weitere Rückrufe können laut Behörden nicht ausgeschlossen werden.

Archäologischer Erfolg · Archäolog:innen haben in Gelterkinden (BL) das seit fast 100 Jahren gesuchte «Weiherhaus» identifiziert. Wie Watson berichtet, wurde bei Grabungen an der Rünenbergerstrasse ein spätmittelalterlicher Adelssitz aus dem 14. Jahrhundert freigelegt. Das 14 mal 18 Meter grosse Steingebäude war einst von einem Wassergraben geschützt. Es diente den Herren von Gelterkinden als Wohnsitz. Im 15. Jahrhundert wurde das Haus durch einen Brand zerstört.

Promillegrenze für Politiker:innen · Grünen-Grossrat Oleg Gafner reicht heute gemäss 20 Minuten einen schweizweit einmaligen Vorstoss im Waadtländer Parlament ein: Er fordert eine 0,5-Promille-Leitlinie für Politiker:innen während der Sessionen. Wer über Milliardenbudgets entscheide, solle so nüchtern sein wie eine Autofahrerin oder ein Autofahrer. Die Regel wäre eine moralische Verpflichtung ohne Kontrollen oder Strafen. Ziel ist es, den teils hohen Alkoholkonsum in der Parlamentskantine zu begrenzen.

International

Trump rudert zurück · Nach mutmasslich zwei Morden durch US-Beamte in Minneapolis muss der umstrittene Border-Patrol-Chef Gregory Bovino die Stadt verlassen. Er gilt als zentrale Figur der harten Einsätze unter US-Präsident Donald Trump. Neu übernimmt «Grenzzar» Tom Homan die Koordination vor Ort. Unter dem Druck belastender Videoaufnahmen vollzog das Weisse Haus gemäss Guardian eine Kehrtwende und distanzierte sich von der anfänglichen Brandmarkung des getöteten Alex Pretti als Terroristen.

Russland missbraucht Interpol · Russland nutzt die Polizeibehörde Interpol systematisch zur Verfolgung von Gegner:innen im Ausland, wie geleakte Daten laut BBC enthüllen. Moskau lässt Journalist:innen und Oppositionelle auf Fahndungslisten setzen, um deren Festnahme zu erzwingen. Expert:innen kritisieren diesen Missbrauch: Bei keinem Land werden mehr Ersuche wegen politischer Motivation annulliert als bei Russland.

🕎 To-Do

Sich erinnern

Schuhe ermordeter Häftlinge im ehemaligen Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz. (Foto: Unsplash/William Warby)

Heute begeht die Welt den internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust.

Der 27. Januar markiert den Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau durch die Rote Armee im Jahr 1945. Das Datum steht symbolisch für das Leid von Millionen Menschen, die unter der Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten ermordet wurden.

Weltweit finden heute Gedenkfeiern und Kranzniederlegungen statt, um die Mahnung im gesellschaftlichen Bewusstsein zu festigen: «Nie wieder.»

Wenn du immer noch auf X (Twitter) bist, empfehle ich dir, dem Account @AuschwitzMuseum zu folgen. Auf Bluesky: @auschwitzmemorial.bsky.social.

Dort werden täglich Fotos und Kurzbiografien von Menschen veröffentlicht, die in Auschwitz ermordet wurden oder das Lager überlebten.

Erschütternd, bewegend – und so wichtig.

🎲 Rätsel zum Schluss

Errate im 6iBrief Rätsel das gesuchte Wort in höchstens sechs Versuchen. Jeden Tag gibts ein neues Wort zu erraten.

So funktioniert es:

  • Du gibst ein Wort ein.

  • Grün: Buchstabe ist richtig und am richtigen Ort.

  • Orange: Buchstabe ist im Wort, aber an der falschen Stelle.

  • Grau: Buchstabe kommt im Wort nicht vor.

Viel Spass beim Knobeln!

Danke fürs Lesen.

Und bis morgen, wenn du magst.

Peter

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