Guten Morgen {{vorname}}

Ist die Rede vom Recht des Stärkeren, denken viele an die Tierwelt. Obwohl es gerade dort sehr viele Beispiele dafür gibt, dass es auch anders geht: Fledermäuse teilen ihre Beute mit Artgenossen, die bei ihren nächtlichen Ausflügen nichts gefunden haben. Kleine Putzfische reinigen die Haut von Muränen und werden dafür nicht gefressen.

Bei der sogenannten Krone der Schöpfung, bei den Menschen also, gilt das Recht des Stärkeren immer mehr. Besonders ruchlos übt dieses Prinzip derzeit US-Präsident Trump aus. Leider ist er bei Weitem nicht der einzige.

Wenn wir nicht wollen, dass sich die Rüpel dieser Erde durchsetzen, müssen wir uns wehren und das Unrecht des Stärkeren beim Namen nennen.

Schweiz · Iran-Krieg

«Das Recht des Stärkeren ist die Welt von Trump – aber er ist nicht die Welt.»

Zerbombter Polizeiposten in Teheran. (Screenshot: New York Times/Arash Khamooshi)

Der Zürcher Staatsrechtler Oliver Diggelmann bewertet im Tages-Anzeiger die US-israelischen Angriffe gegen den Iran als Rechtsbruch. Ein Selbstverteidigungsrecht liege nicht vor, da kein direkter bewaffneter Angriff des Irans erfolgt sei.

Diggelmann warnt davor, Verstösse aus Angst vor Donald Trump zu verschweigen: «Wer Unrecht sieht und nichts sagt, lässt zu, dass sich die Regeln schleichend ändern.»

Besonders kritisch sieht er die Radikalisierung des Notwehrbegriffs durch die USA. Zwar sei das iranische Regime eine Dauerbedrohung, doch rechtfertige dies keine präventiven Alleingänge. Das Risiko sei ein globales Chaos, da Grossmächte wie China oder Russland diese Präzedenzfälle für eigene Ambitionen nutzen könnten.

Trotz der Krise sagt Diggelmann: «Das Recht des Stärkeren ist die Welt von Trump – aber er ist nicht die Welt.»

Derweil stehen die Zeichen im Nahen Osten weiterhin auf Eskalation. Während die USA und Israel ihre Luftschläge fortsetzen, reagiert der Iran mit massivem Beschuss der Golfstaaten. Bei einem Drohnenangriff wurden vier US-Reservisten in Kuwait getötet. Insgesamt sind bereits 800 Menschen in diesem Konflikt ums Leben gekommen, berichtet die New York Times.

In Teheran wählte der Expertenrat den 56-jährigen Mojtaba Khamenei zum neuen obersten Führer, berichtet Watson. Er ist der zweitälteste Sohn des getöteten Ali Khamenei. Die Abstimmung fand online statt, da das offizielle Tagungsgebäude gestern Nachmittag von Israel bombardiert worden war.

Mojtaba Khamenei verfügt über engste Verbindungen zu den Revolutionsgarden und dem Sicherheitsapparat des Regimes. Zudem soll er ein gewaltiges Vermögen im In- und Ausland verwalten, darunter Luxusimmobilien in London und Abu Dhabi.

Schweiz · Politik

SVP-Ständerat lehnt SVP-Neutralitätsinitiative ab

Das Kreuz mit der Neutralität. (Foto: Unsplash/Mathias Nicolet)

In der SVP regt sich prominenter Widerstand gegen die Neutralitätsinitiative von Übervater Christoph Blocher. Der Schaffhauser Ständerat Hannes Germann stellt sich offen gegen das Kernanliegen seiner Partei und weibelt für eine gemässigtere Variante. «Ich bevorzuge den Gegenvorschlag, weil er unser gelebtes Neutralitätsregime auf Verfassungsstufe verankert», begründet Germann seine Haltung im Tages-Anzeiger.

Während SVP-Fraktionschef Thomas Aeschi betont, die Fraktion stehe geschlossen hinter dem Text, fürchten Parteimitglieder hinter vorgehaltener Hand eine Schlappe an der Urne oder sicherheitspolitische Isolation.

«Man kann nicht erst bei einem bevorstehenden Angriff Kooperation üben.»

Hannes Germann, SVP-Ständerat

Ständerat Germann sieht besonders das strikte Verbot von Militärkooperationen kritisch: «Man kann nicht erst bei einem bevorstehenden Angriff Kooperation üben.» Dann sei es bereits zu spät.

Die Initiative, die Sanktionen und Bündnisse fast vollständig verbieten will, kommt voraussichtlich im Herbst vors Volk. Aktuelle Umfragen deuten darauf hin, dass eine Mehrheit der Bevölkerung eine pragmatische statt einer ideologischen Neutralität befürwortet. Das Parlament diskutiert die Vorlage in den kommenden Tagen.

Schweiz · Wissenschaft

Berner Forscher entdeckt seltsamen Fisch in indischem Brunnen

Nur 20 Millimeter lang: Gitchak nakana. (Screenshot: Der Bund/Ralf Britz)

Ein internationales Team um Lukas Rüber, Kurator am Naturhistorischen Museum Bern, hat im Nordosten Indiens eine bizarre neue Fischart entdeckt. Das winzige, nur 20 Millimeter lange Tier mit dem Namen Gitchak nakana kam bei einer Brunnenreinigung im Bundesstaat Assam zum Vorschein.

Der Fisch lebt in absoluter Dunkelheit im Grundwasser und weist spektakuläre anatomische Besonderheiten auf: Er hat keine Augen, keine Pigmente und besitzt keine knöcherne Schädeldecke. Sein Gehirn liegt direkt unter der Haut. Genetische Untersuchungen zeigen gemäss der Zeitung Bund, dass es sich um eine völlig neue Gattung handelt, die sich bereits vor 21 bis 45 Millionen Jahren von ihren Verwandten abgespalten hat.

«Fische, die in diesem einzigartigen Lebensraum leben, werden nur ganz selten und rein zufällig gefunden», sagt Lukas Rüber. Weltweit sind von 37'000 Fischarten nur etwa 300 bekannt, die unterirdisch leben. Der Fund verdeutlicht, wie wenig über die Biodiversität in tiefen Bodenschichten bekannt ist. Für die Wissenschaft ist das Tier ein wertvolles Puzzlestück, um das Leben unter Extrembedingungen zu verstehen. 🐠

🪩 Zitat des Tages

«Wer will schon Bilder von sich schlafend mit einer Bierflasche sehen»

Haben noch nicht genug: Lars Ruch, Anatol Gschwind, Nicola Schneider und Adrian Wöllhaf vom Hive. (Screenshot: NZZ/Annick Ramp)

Wenn Boomer ratlos sind, sagen sie: «Grund ist das veränderte Verhalten der Gen Z.» Besonders oft hört man diesen Satz derzeit im Zusammenhang mit der Party-Misere. Weil die junge Generation schon vor dem aktuellen Bericht des BAG gewusst hatte, dass weniger wohl doch besser ist und dass es eben sehr wohl ein Morgen gibt, verzichtet sie, zum Leidwesen der Bar- und Club-Kommissionen des Landes, auf ausschweifendes Ausgehen.

Auch darüber hat die NZZ mit den vier Gründern des Clubs Hive in Zürich gesprochen. Kurz bevor Nicola Schneider, Anatol Gschwind, Lars Ruch und Adrian Wöllhaf ab übermorgen Freitag, zur Feier des 20-jährigen Bestehens des Tanzlokals, drei Tage am Stück durchfeiern.

Auf die Frage, ob das goldene Zeitalter des Nachtlebens vorbei sei, antwortet Anatol Gschwind: «Die Jungen gehen schon noch weg, einfach anders. Früher waren Studentenpartys der Renner, das zieht heute nicht mehr. Auch die Events am Donnerstag sind quer durch die Stadt schwächer geworden, dafür poppen neue Formate auf. Es ist weniger wichtig, bis am Morgen durchzutanzen.»

Neue Formate also, für Leute wie mich, für Angehörige der Gen X, die noch wussten, wie das geht mit der Sau rauslassen. «Gibt es im Hive bald Partys nur für alte Leute?», will die Alte Tante deshalb wissen. «Wir haben schon lange Senioren bei uns im Club», antwortet Nicola Schneider. «Klar ist das Hauptpublikum zwischen 25 und 45, aber man sieht auch 60- bis 70-Jährige auf der Tanzfläche. Wir führen ein Format, das ‹Shut up and dance› heisst. Um 19 Uhr gehen die Türen auf, um 20 Uhr wird nicht mehr gesprochen, sondern nur noch getanzt. Das ist vor allem bei älteren Ravern beliebt.»

Verantwortlich für die moderne Zurückhaltung beim Feiern sind laut Lars Ruch auch Smartphones und Social Media. Es sei nicht mehr wie früher, sagt er. «Da hast du schon Leute gesehen, die drei Tage durchgemacht haben und dann hier rausgetorkelt sind. Das sieht man nicht mehr so.» Heute werde gleich alles gefilmt. «Wer will schon Bilder von sich schlafend mit einer Bierflasche sehen. Früher hat man sich noch ein bisschen mehr gehenlassen.»

Kurz-News

Schweiz wächst zur Metropole · Die Schweiz wandelt sich zur Stadt: Neue Daten zeigen, dass bereits 5,4 Millionen Menschen in funktionalen städtischen Gebieten leben. Allein der Raum Zürich gehöre mit über zwei Millionen Bewohnenden zu den Top 20 Europas, schreibt Watson. Obwohl Millionenstädte fehlen würden, sei das Land durch Pendlerströme und dichte Siedlungsgürtel faktisch längst hochgradig urbanisiert.

Gegen automatische Mietkontrolle · Der Ständerat hat eine staatliche Kontrolle gegen Mietwucher mit 32 zu 11 Stimmen abgelehnt. Die Motion von SP-Ständerat Carlo Sommaruga forderte eine periodische Überprüfung der Mieten, da Mieter:innen jährlich zehn Milliarden Franken zu viel zahlten. Die bürgerliche Mehrheit und SVP-Bundesrat Guy Parmelin wiesen dies gemäss Limmattaler Zeitung als unverhältnismässig zurück. Sie warnten vor einem enormen bürokratischen Aufwand für 2,4 Millionen Haushalte. Der Mieterverband setzt nun auf seine Volksinitiative.

Run auf Erste-Hilfe-Kurse · Die Brandkatastrophe in Crans-Montana VS löst einen Boom bei Sicherheitskursen aus. Das Nothelferkurszentrum Schweiz verzeichnet im Firmenbereich ein Buchungsplus von 50 Prozent, berichtet SRF. Viele Unternehmen investieren nun verstärkt in Erste Hilfe und Brandschutz, um ihre Mitarbeitenden auf Ernstfälle vorzubereiten.

International

Eine Kreuzfahrt, die ist giftig · In vielen EU-Hauptstädten wie Dublin, Helsinki oder Stockholm ist die Schwefelbelastung durch Kreuzfahrtschiffe höher als durch den gesamten Autoverkehr. Eine Analyse von Transport & Environment zeigt gemäss Guardian, dass besonders Hafenstädte unter den giftigen Gasen leiden. Expert:innen fordern nun eine schnellere Elektrifizierung der Flotten: Bis 2030 könnten technisch fast die Hälfte aller europäischen Fähren auf Batteriebetrieb umgestellt werden, um die Luftqualität drastisch zu verbessern.

Das Gute siegt · Weltweit feiern heute Millionen Hindus das Farbenfest Holi. Das Frühlingsfest markiert das Ende des Winters und symbolisiert den Triumph des Guten über das Böse. In Indien und Nepal ziehen Menschen durch die Strassen, bestreichen sich mit leuchtenden Farben und tanzen zu Musik. Traditionelle Feuer am Vorabend erinnern an die Legende von Holika und Prahlad. Neben rituellen Gebeten stehen das gemeinsame Essen und der Genuss des Milchgetränks Thandai im Zentrum. Die BBC hat schöne Bilder.

🍪 Nützliches des Tages

Giacometti-Figuren

Hätte ich gern: Ersttagsumschlag «125 Jahre Alberto Giacometti». (Foto: Schweizerische Post)

Morgen ist ein grosser Tag für Philatelist:innen. Die Post lanciert eine neue Giacometti-Sonderbriefmarke. Anlass ist der 125. Geburtstag des Schweizer Künstlers. Das Motiv zeigt Alberto Giacomettis berühmtes Werk «L’Homme qui marche I». Gefeiert wird das schon heute Mittag im Kunsthaus Zürich.

Die langgestreckten Skulpturen Giacomettis machen sich aber nicht nur auf Briefmarken sehr gut, sondern offenbar auch auf Snack-Automaten. Das beweist ein Experiment von Professor Thomas Brunner, das er im Bundesamt für Gesundheit (BAG) durchgeführt hat.

Nachdem er und sein Team ein Foto einer überschlanken Giacometti-Figur auf einem Automaten platziert hatten, entschieden sich plötzlich viel mehr BAG-Angestellte für Reiscracker statt Schokoriegel. Der Verkauf gesunder Snacks stieg von 20 auf 60 Prozent.

«Mit den überschlanken Figuren rückt das Motiv Gewicht und Gewichtskontrolle bei unseren Essensentscheidungen in den Vordergrund und beeinflusst unser Verhalten», sagt Thomas Brunner auf Food Revolution, der Webseite des Agrarjournalisten Jürg Vollmer.

Das «Priming»-Phänomen wirke dabei völlig unbewusst. «Selbst wenn Teilnehmende über den Zusammenhang informiert wurden oder überzeugt waren, sich nicht beeinflussen zu lassen, assen sie beim Anblick der Figuren deutlich weniger Schokolade», heisst es im Artikel.

Laut Professor Brunner funktioniert das übrigens auch in den eigenen vier Wänden: «Ein einfaches Bild am Kühlschrank könnte der erste Schritt zu gesünderen Entscheidungen sein.»

Was lernen wir aus dieser Geschichte? Briefmarkensammeln war schon immer das vernünftigste Hobby. Ab morgen ist es auch das gesündeste. 🫜

🎲 Rätsel zum Schluss

Errate im 6iBrief Rätsel das gesuchte Wort in höchstens sechs Versuchen. Jeden Tag gibts ein neues Wort zu erraten.

So funktioniert es:

  • Du gibst ein Wort ein.

  • Grün: Buchstabe ist richtig und am richtigen Ort.

  • Gelb: Buchstabe ist im Wort, aber an der falschen Stelle.

  • Grau: Buchstabe kommt im Wort nicht vor.

Viel Spass beim Knobeln!

Danke fürs Lesen.

Und bis morgen, wenn du magst.

Peter

PS: Gestern haben wir uns wie ein Telekommunikationsanbieter verhalten. Wir haben nämlich jenen 6iBrief-Leser:innen, die uns bereits mit einem Geldbetrag unterstützen, nur einen Teil des Newsletters angezeigt. Alle anderen bekamen das volle Programm. Nicht, weil es – Grundgütiger – hinreissende Prosa ist, sondern einfach der Vollständigkeit halber: Falls dir das Intro gestern nicht angezeigt wurde, kannst du es hier nachlesen.

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